•• Stilistisches Lektorat ••
 

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Das XXIII. Kapitel

 

Ich lase einstmals, wasmaßen das Oraculum Appollinis den römischen Abgesandten, als sie fragten, was sie tun müßten, damit ihre Untertanen friedlich regieret würden, zur Antwort geben: Nosce te ipsum, das ist, es sollte sich jeder selbst erkennen. Solches machte ich, daß ich mich hintersann und von mir selbst Rechnung über mein geführtes Leben begehrete, weil ich ohn das müßig war. Da sagte ich zu mir selber: Dein Leben ist kein Leben gewesen, sondern ein Tod; deine Tage ein schwerer Schatten, deine Jahre ein schwerer Traum, deine Wolllüste schwere Sünden, deine Jugend eine Phantasei, und deine Wohlfahrt ein Alchimisten-Schatz, der zum Schornstein hinausfähret und dich verläßt, eh du dich dessen versiehest! Du bist durch viele Gefährlichkeiten dem Krieg nachgezogen und hast in demselbigen viel Glück und Unglück eingenommen; bist bald hoch, bald nieder, bald groß, bald klein, bald reich, bald arm, bald fröhlich, bald betrübt, bald beliebt, bald verhaßt, bald geehrt und bald veracht gewesen. Aber nun du, o meine arme Seele, was hastu von dieser ganzen Reise zuwege gebracht? Dies hast du gewonnen: Ich bin arm an Gut, mein Herz ist beschwert mit Sorgen, zu allem Guten bin ich faul, träg und verderbt, und was das allerelendeste, so ist mein Gewissen ängstig und beschwert; du selbsten aber bist mit vielen Sünden überhäuft und abscheulich besudelt! Der Leib ist müde, der Verstand verwirrt, die Unschuld ist hin, meine beste Jugend verschlissen, die edle Zeit verloren, nichts ist, das mich erfreuet, und über dies alles bin ich mir selber Feind. Als ich nach meines Vaters seligen Tod in diese Welt kam, da war ich einfältig und rein, aufrecht und redlich, wahrhaftig, demütig, eingezogen, mäßig, keusch, schamhaftig, fromm und andächtig; bin aber bald boshaftig, falsch, verlogen, hoffärtig, unruhig und überall ganz gottlos geworden, welche Laster ich alle ohn einen Lehrmeister gelernet. Ich nahm meine Ehre in acht, nicht ihrer selbst, sondern meiner Erhöhung wegen. Ich beobachtete die Zeit, nicht solche zu meiner Seligkeit wohl anzulegen, sondern meinem Leib zunutz zu machen. Ich habe mein Leben vielmal in Gefahr geben und habe mich doch niemal beflissen, solches zu bessern, damit ich auch getrost und selig sterben könnte. Ich sahe nur auf das Gegenwärtige und meinen zeitlichen Nutz, und gedachte nicht einmal an das Zukünftige, viel weniger daß ich dermaleins vor Gottes Angesicht müsse Rechenschaft geben! Mit solchen Gedanken quälete ich micht täglich, und ebendamals kamen mir etliche Schriften des Guevare unter die Hände, davon ich etwas hiehersetzen muß, weil sie so kräftig waren, mir die Welt vollends zu verleiden. Diese lauten also:

 

 

 

Das XXIII. Kapitel

 

Adieu, Welt! Denn auf dich ist nicht zu trauen noch von dir nichts zu hoffen! In deinem Haus ist das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige verschwindet uns unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, das Allerbeständigste fällt, das Allerstärkste zerbricht und das Allerewigste nimmt ein Ende. Also daß du ein Toter bist unter den Toten, und in hundert Jahren läßtu uns nicht eine Stunde leben. Denn du nimmst uns gefangen und lässt uns nicht wieder ledig, du bindest und lösest uns nicht wieder auf; du betrübst und tröstest nicht, du raubest und giebest nichts wieder, du verklagst uns und hast keine Ursache, du verurteilst und hörst keine Partei. Also daß du uns tötest ohn Urteil und begräbst uns ohn Sterben! Bei dir ist keine Freude ohn Kummer, kein Fried ohn Uneinigkeit, keine Liebe ohn Argwohn, keine Ruhe ohn Forcht, keine Fülle ohn Mängel, keine Ehre ohn Makel, kein Gut ohn bös Gewissen, kein kein Stand an die Klage und keine Freundschaft ohn Falschheit.

 

Aus: Simplicius von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen



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